BEI-PETER

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Kindergeburtstag


Der Kindergeburtstag

von P.Hentschel


Als meine Tochter Petra geboren wurde war sie noch sehr klein. Sie konnte nicht laufen, nicht reden (zum Glück), sich nicht schminken und mit Jungs sich nicht in den Ecken rumdrücken. Das war eine sehr schöne Zeit.
Nicht lange, denn mit der Zeit wurde sie, wie alles im Leben, größer und damit auch anstrengender für die Menschen, die für ihr Wohl arbeiten gehen mussten denn die gebratenen Tauben flogen auch damals noch nicht durch die Luft, also wie gesagt: Papa und Mama schafften Geld ran! Mama war Apothekerin und Papa war Berufsmusiker bei den Dominos.

Jedes Jahr nun passierte es, und das zum Glück nur einmal im Jahr, das unsere Tochter Geburtstag hatte und weil sich das zu Anfang nicht so recht lohnte pro Lebensjahr einen Gast einzuladen, hatte meine Frau auf Fazze-bock eine Einladung ausgesprochen und die betraf den Geburtstag unserer nunmehr sechsjährigen Tochter in der Form, das Mamas oder Papas mit ihren Kindern im passenden Alter zu Besuch kommen dürften wenn sie ein Geschenk im Gegenwert von Kakao, Pommes, wertlosem Müll, wertvollen Selvmade-Basteleien und Chips mitbrächten.

Der geneigte Leser kann sich vorstellen was passierte?
Meine Frau, ein bisschen unsicher was Fazzebock anging, hatte nicht ange-klickt das es nur regional und privat gelten sollte was sie da als Einladung losgetreten hatte und so kamen ganze Busladungen, Autoschlangen von über 4 Kilometer länge, eine Wander- und mehrere Pfadfindergruppen, die Bun-dewehr mit einer ganzen Kompanie plus Feldküche mit 3000 Liter Erbsensuppe inclusive 4000 Heißheißwürstchen der Firma Böklunder und einem LKW mit Plastikgeschirr und Besteck und hintendran auch noch ein Toilettenwagen mit vierzig Einzelkabinen.

Nun tauchten das Ordnungsamt, die Polizei, der CIA, der Geheimdienst 0815 und James Bonds Großvater 007-22 auf, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Unser kleines Dorf wurde plötzlich zu Nachrichtenkulisse von RTL, RTM, RTK, AOK und DRK sowie der Freikirchen, die kein Geld hatten um ihren Mitgliedern mal was Gutes zu tun, zum Beispiel die Zeugen Jehovas und wir wussten nicht was geschah!

Meine Frau, nun im ziemlich kurzen Minikleid und einem Pullover der ihr vor 20 Jahren gepasst hätte- jetzt aber mehr zeigte als verbarg, balancierte ein mit Pinnchen befülltes Tablett aus dem Haus und ich vermutete das es sich bei der Befüllung nicht um den von ihr heiß geliebten Lavendeltee han-delte. Ich sollte recht behalten.

Es war mir nicht vergönnt zu ergründen was sie mit den Pinnchen vor hatte weil inzwischen unsere Tochter an meinem Hosenbein hing, mich mit hoch-rotem Kopf anlächelte, in die Hände klatschte und mich fragte:
„Papa, sind die alle für mich gekommen, bin ich jetzt eine Prinzessin, Papa? Du Papa, sach doch mal….“ Und an meinem Hosenbein zerrte.

Ich war sprachlos und schaute mir ganz begeistert an wie ein riesiger Bulldozer eine breite Spur in den Acker des Nachbarn pflügte um eine riesige Ebene als Parkplatz zu planieren, ungeachtet der Kartoffeln die da wachsen sollten und nun ihres frühen Ablebens zugeführt wurden.
Schnell war die Fläche mit über 1000 Autos befüllt und alle wollten unserer Tochter zum Geburtstag zu gratulieren. Selbst Elvis, Suzi Q oder Joan Jett hatten nie mehr Gäste auf ihren jeweiligen Geburtstagen als unsere Tochter, die von all dem nichts verstand und sich ob der Menschenmengen, die auf sie zu stürmten, hinterm mit verkroch und ihre kleinen Fingerchen sind tief in meine Waden gruben denn ich trug nur Shorts. Es war Hochsommer.

Dank der Regulierungswut reindeutscher Polizei leerte sich so langsam das Getümmel vor unserem Haus, dem englischem Zierrasen, den Blumenbeeten und Rabatten, unserer Toilette inclusive Badewanne und einigen Zimmern, die man als Redaktions- Funkzentrale und Einsatzleitung umfunktioniert hatte. Wir bekamen unser Haus wieder, sogar rundum erneuert!

Nichtsdestotrotz sollte unsere Tochter nun ihren Geburtstag gebührend feiern und meine Frau deckte den Tisch um Kartoffelsalat, Pommes, Burger, Würstchen, Torten und Fettge- backenes aufzubauen und ich rief die Kinder, deren Eltern zum Glück nicht mehr anwesend waren, um das Fiasko mit-zuerleben, zu Tisch. Die Anordnung, zuerst die Hände zu waschen erübrigte ich mir denn ich ahnte wie dann unser Badezimmer aussehen würde und das wollte ich uns ersparen. Eltern wissen was ich meine.

Als alle Kinder am Tisch saßen, musste erst einmal der kleine Daniel auf die Toilette und weil der das noch nicht so ganz alleine schaffte, ging meine Frau mit ihm, was aber nicht so ganz in seinem Sinn war:
„Eine fremde Frau darf mir nicht zusehen und sehen wie ich untenrum aussehe“ und damit knallte er die Toilettentür zu und drehte den „Besetzt“-Griff auf eben diese Stellung und niemand kam mehr in die Toilette. Nun ist das mit unserer Toilettentür so eine Sache:
unsere Tochter weiß das sie diesen Griff nie auf „Besetzt“ drehen darf, aber unsere Gäste wussten es nicht und damit begann das Malheur:
Der kleine Daniel machte sein kleines Geschäftchen, betätigte artig die Spülung und weil er die Hose nicht richtig hoch bekam rief er nach Tante Petra, meiner Frau, die aber nicht in die Toilette kam wegen, na ja, wir wissen warum: der Drehknopf ging ziemlich schwer selbst für Erwachsene…

Während nun der Gefangene mit beiden Fäusten die Tür traktierte und wir überlegten wie wir dem kleinen Gefangenen helfen konnten, steigerte sich der Toilettengast in Wut und Rage und hämmerte nun mit Fäusten und Füßen an die Toilettentür, die aber nicht nachgab und ihn immer wütender werden ließ. Zum Glück verhielten die anderen Kinder sich ruhig und be-obachten was passieren sollte oder konnte.

„In einem solchen Fall könnte man die Tür eintreten“ meinte ein naseweises Mädchen, „oder haben Sie eine Pistole oder ein Gewehr? Das machen die im Krimi auch immer so“ tönte es weiter und ich fragte mich welches Kinderprogramm bei denen Zuhause die Regel war.

Meine Frau, wie gesagt Apothekerin, meinte man solle den kleinen Wüterich mit Gas, welches unter der Tür eingelassen werden konnte, betäuben und wenn er dann ruhe gegeben hätte, könnte man die Tür eintreten. Keine gute, wenn auch machbare Idee.

Ein anderer riet, einen Klempner zu holen und die Idee fand ich auch gut. Im Telefonbuch fanden wir 365 solcher Unternehmen und suchten nun nach Sympathie des Firmennamens einen solchen Betrieb heraus.
Leider war dieser Betrieb in der wunderschönen Hansestadt Hamburg und die Telefondame meinte das er, also der Klempner, wohl am 29. 03. 2211 wieder einen Termin frei hätte. Ob sie den Vormerken könnte?!

Nein, bitte nicht!
Bis dahin ist unsere Tochter im Rentenalter und der eingesperrte junge Mann bereits mehrfacher Opa wenn wie ihn aus unserer Toilette bekämen.
‚Alles kein Problem‘ dachten wir und tranken, während es in der Toilette merklich stiller wurde, erst mal einen Kaffee, um uns zu entspannen.
Die Kinder freuten sich das wir jetzt Zeit für sie hatten und wir sie aufforderten endlich zuzugreifen und zu essen. Da aber kam das nächste Problem!

Ein kleiner Steppke meinte, seine Mama hätte ihm verboten Fleisch und Würstchen von einem Tier zu essen welches man dafür extra hätte töten müssen und das gehöre sich nicht, auch wenn (Gott den kannte er also auch) gesagt hatte man solle sich die Tiere untertan machen. Aber er, also Gott, hatte nichts davon gesagt dass man sie aufessen dürfe!

„Pass mal auf Du kleiner Scheißer“ sagte meine Frau und zog sich das kleine Kerlchen auf den Schoß: „Schau mal: hast Du schon mal Würstchen oder Frikadellen fliegen oder rumlaufen sehen und auf der Weide da drüben, wo die Kühe rumstehen und Gras fressen, hast Du da schon mal eine grasende Frikadelle oder ein Würstchen gesehen oder eine Kuh, die aussieht wie eine Frikadelle oder ein Würstchen? Ich noch nicht.  Unsere Würstchen sind in einem Glas in der Firma Böklunder gewachsen, siehst Du, hier drin“ und damit zeigte sie dem Jungen ein noch volles Würstchenglas.
Der nickte war leicht verstört und fragte dann:
„Dann darf ich auch die leckeren Würstchen essen?“ was Frau mit dem Kopf nickend be- stätigte und den jungen Mann von ihrem Schoß schob.

Altes Problem: der eingesperrte Junge in unserem Klo!
Meine Frau wusste sich keinen Rat mehr und rief die Nummer 116117 an um den medi- zinischen Notdienst zu rufen, der ja für alles gut sein sollte und sogar schon für Biernachschub einer Party sorgte, also sicher auch uns helfen konnte. Konnte man nicht, hatte die Dame am anderen Ende der Leitung gesagt, einen Klempner...
„Dolle Wurst!“ war der Kommentar meiner Frau, was immer das heißen sollte.

Nun ja, so ein Kindergeburtstag ist ja schön und die ausrichtenden Eltern freuen sich wenn es den Kinder gefällt und man in der Gemeinde sich wohl-wollend daran erinnerte. Aber wir hatten ja dieses Problem mit dem Jungen, der in unserer Toilette eingesperrt war.

Dann aber geschah etwas das mich nicht glauben ließ was da geschehen war:
Als es so langsam dunkel wurde und die ersten Eltern ihre Kinder wieder abholten, bemerkte ich den Jungen mit seinen herunter gelassenen Hosen und den hinterher ziehenden Hosenträgern! ‚Wie war der aus dem Badezimmer ohne unsere Hilfe gekommen?‘
Meine Frau sah mich fragend an, ich sie und dann erklärte unsere Tochter wie einfach es doch war, Gefangene zu befreien, indem man mit einer Münze, die man in den Schlitz der Schließmechanik steckte, einfach und kinderleicht aufdrehen konnte!
„Sechs Jahre jung und schon handwerklich besser drauf als Mama und Papa! Was haben wir doch für ein schlaues Kind?!“ meinte meine Frau und ich nickte bestätigend in ihre Richtung.

Nun denn, endlich Feierabend und alle Kinder sind abgeholt worden. Wir hofften, auch von den richtigen Eltern, aber kaum ausgedacht ging es los:
Das Telefon klingelte, meine Frau nahm das Gespräch an und legte bald danach wieder auf:
„Da war eine Frau Günther dran, die vermisst die Zahnspange ihres Sohnes, der sie immer wieder aus dem Mund nimmt, und ablegt weil sie ihm zu unbequem ist. Ob wir die gefunden hätten?“
Während unserer Suchaktion klingelte es erneut und eine Frau meldete sich als die Mama von Schantal, der ein Schuh, der linke glaube ich, fehlt… Ob wir den gesehen hätten…

Es war inzwischen halb zwölf, fast Mitternacht und wir entnervt ins Bett fallen wollten, als der 29. Anruf einging, wir den aber nicht mehr annahmen. Hätten wir das mal gemacht…
Gegen ein Uhr nachts rappelte jemand an der Haustür, klingelte und rappelte immer wieder und heftiger denn je.
Ich stand auf, nahm mir einen zur Vorsicht abgestellten Besenstiel aus der Ecke und ging hinunter und zur Haustür. Ich öffnete mit vorgehängter Kette und da standen 4 uniformierte Polizisten und zwei in billigen Regenmäntel im Style Colombo: Kripo!

„Wassnlos?!“ fragte ich durch den Türspalt und ehe ich antworten konnte plapperten 6 Beamten durcheinander und bildeten den Polizeichor Rahden, von dem ich nur verstand: „Wir sind von der Polizei!“
„Toll, das habe ich bereits gesehen. Was wollen Sie zu so früher“ ich sah auf die Uhr, „später Stunde?“

„Wir suchen einen Daniel Küppers, der heute Nachmittag bei Ihnen zum Kindergeburtstag war und nicht abgeholt wurde. Wohl von den Eltern vergessen und jetzt vermisst wurde weil man ihn nicht zu Bett bringen konnte.“

„Kommen Sie rein. Hier ist niemand mehr. Schauen Sie bitte in alle Zimmer und sagen Sie mir Bescheid wenn sie ihn gefunden haben. Ich lege mich wieder ins Bett. Bin nervlich am Ende nach diesem Fest!“

Keine drei Minuten lag ich wieder neben meiner Frau, als es an die Schlafzimmertür klopfte und ich schreckte erneut aufwachte. Man hatte den gesuchten Jungen schlafend auf der Couch des Wohnzimmers gefunden. Auch das noch:
es wear das Scheißerchen, das sich in unserer Toilette eingeschlossen hatte...


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